Fachkräftemangel – gibt es ihn wirklich?



Ein Artikel von Frau Lina Holthausen und Frau Dr. Cosetta Setti

Eine verrückte Vorstellung…

Herr B. aus B. ist erfolgreicher Unternehmer im Lebensmittelbereich und ein alter Hase im Geschäft. Als solcher lässt er sich von kurzfristigen Schwankungen auf dem Markt oder einem bedrohlichen Rauschen im wirtschaftsinteressierten Blätterwald normalweise auch nicht aus der Ruhe bringen. Gestern Nacht hatte er allerdings einen verrückten und bedrohlich anmutenden Albtraum, der ihn noch lange nach dem Aufwachen in seinen Klauen gefangen hielt:

Wie jeden Tag stellt „B´s Süsswarenparadies“ mit der seit langem bewährten Qualität und ebensolcher Stückzahl seine beliebten Naschereien her, als wie aus dem Nichts das Unglaubliche geschieht: Alle Abnehmer melden, dass sie seine Produkte nicht mehr absetzen können – die Kunden fehlen! Hektisch ruft Herr B. alle Politiker an, deren Privatnummern er seit dem letzten Charity-Golfen in seinem Handy hat, aber keiner kann oder will ihm helfen. Dann ruft er alle Geschäftspartner an - sie beklagen sich über das gleiche Problem. Er gerät in Panik, schreibt einen offenen Beschwerdebrief an Bund und Land, sieht aber schließlich nur noch die Lösung, mit seinem Unternehmen nach Russland auszuwandern, wo er mehr Kunden für seine Produkte erwartet und sich von der Politik nicht im Stich gelassen fühlt…

Eine absolut abwegige Geschichte? Keiner würde auf die Idee kommen, von der Politik die „Lieferung“ von Kunden zu erwarten und derart panisch reagieren? Fast richtig. Denn in der immer noch und immer wieder aktuellen Diskussion um den Fachkräftemangel passiert umgekehrt eigentlich ganz genau das: Man schreit nach Hilfe von Seiten der Politik auf Grund eines Mangels an Dingen, für die man selber zu Sorgen hat und der zunächst einmal eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sein müsste…in Zeiten von verkürzten Abiturjahrgängen, Bachelorabschlüssen an den Universitäten und einer Arbeitsmarkterweiterung in Richtung Osten. Einige Fragen drängen sich also auf.

Zunächst einmal stellt sich die Frage, wie man Fachkraft definiert, um von einem tatsächlichen Mangel sprechen zu können oder eben auch nicht. Ist eine Fachkraft zum Beispiel schon die Fleischwarenfachverkäuferin oder eine Lagerlogistikerin für B.´s Süsswarenparadies, oder erst der Lebensmittelchemiker mit zusätzlicher ausgeprägter Sprachen- und Führungskompetenz, also die eierlegende Wollmilchsau? Welche Branchen würde dieser vielbeschriene Fachkräftemangel dann wirklich treffen, wie wirken sich solche ungeklärten Definitionsfragen auf die allgegenwärtigen Statistiken aus und wo wird Fachkräftemangel eher postuliert, um vielleicht von anderen Problemlagen abzulenken?

Und kann es nicht durchaus auch sein, dass der Fisch, wie man so schön sagt, vom Kopf her stinkt? Dass viele Personalabteilungen methodisch bei der Personalakquise noch in den frühen Nachkriegsjahren verweilen, klare Zukunftskonzepte fehlen, viele Wege zur Personalbeschaffung über die neuen Medien nicht genutzt werden und das Image des Unternehmens nicht zu den gewünschten Bewerbern passt? Ist vielleicht sogar ein zu großes Maß an Bürokratie und Statik ein Grund für einen Mangel an gefragten Mitarbeitern? Zumindest sucht nicht jedes Unternehmen händeringend nach Fachkräften, wie zum Beispiel die Aussage von Airbuschef Joachim Sauer zeigt, der meint, dass „es keine einzige empirisch fundierte Untersuchung gäbe, die belegt, wo wir aus welchen Gründen in welchem Maß unter Fachkräftemangel leiden.“ Studien, die die Zahl der Tage erheben, die es dauert, um eine Stelle neu zu besetzen, kommentiert er mit: "Da sollte man sich mal die Frage stellen, ob man möglicherweise unzureichend rekrutiert - dieser Indikator überzeugt mich nicht."

Und sind nicht auch noch genügend Ressourcen des Arbeitsmarktes ungenutzt? Nur schlaglichtartig könnte man hier als einen sich geradezu aufdrängenden Lösungsansatz für das postulierte Problem die verstärkte Förderung von Frauen anbringen, die ja schließlich knapp 50% der Bevölkerung ausmachen und noch zu oft nach Kinderpausen oder durch familiäre Verpflichtungen und zeitliche Beanspruchung aufs berufliche Abstellgleis gestellt werden. Auch die „Generation 50 plus“, also die schon älteren, aber daher auch besonders erfahrenen Mitarbeiter, kann zum Beispiel in der Rolle als Mentor oder in Tandemteams mit Berufsanfängern ganz neue und bis jetzt nur unzulänglich genutzte Ressourcen hervorbringen. Tatsächlich wäre es auch naheliegend, die Fähigkeiten von gut qualifizierten

Immigranten besser und vor allem schneller für unsere Wirtschaft nutzen zu können – im Übrigen der einzige Punkt, in dem man im Hinblick auf die immer noch zu langsame Anerkennung ausländischer Abschlüsse in Deutschland tatsächlich die Politik in die Pflicht nehmen könnte. Ganz unabhängig von emanzipatorischen Bestrebungen oder political correctness wären solche Schritte nicht nur eine kurzfristige Lösung, sondern sicherlich auch gesamtwirtschaftlich und gesellschaftlich ein großer Zugewinn.

Dies sind wie gesagt nur Gedankenspiele, denn ebenso gut kann es sein, dass es ihn doch gibt, den erschreckend aktuellen Fachkräftemangel, und dass unser Herr B. ein besonders pfiffiger Geschäftsmann ist, wenn er keine Aktion sondern nur Reaktion auf die oben beschriebene Situation zeigt und die Flucht ergreift.

Eine letzte, wirklich absolut endgültige Frage muss dann aber auch erlaubt sein: Wenn es den Fachkräftemangel gibt, herrscht er dann nicht aufgrund der obigen Fragestellungen vielleicht gerade in den Personalabteilungen vor…?

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