Interview mit Herrn Prof. Dr. med. W. Schreiber, Ärtzlicher Direktor, Chefarzt des Bezirksklinikum Mainkofen



BuB: Aus Ihrer Sicht, warum ist das Thema „Work-Life-Balance“ in den letzten
Jahren immer populärer geworden?

Prof. Dr. med. W. Scheiber: Ich sehe zwei wesentliche Gründe: Zum einen die deutliche Zunahme von Burnout-Symptomen gerade in Risikoberufsgruppen (z.B. Lehrer, Ärzte, Pflegekräfte, IT-Personal oder Polizeibeamte), zum anderen eine immer stärkere Unzufriedenheit immer größerer Bevölkerungsanteile mit ihrer konkreten Arbeitssituation.

BuB: Warum ist es heute so schwer, das Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben zu finden?

Prof. Dr. med. W. Schreiber: Ich denke, dass gerade besonders leistungswillige Menschen einer zunehmenden Überforderung dadurch unterliegen, dass die Arbeitsansprüche an sie immer mehr steigen, gleichzeitig aber ihr so genannter „locus of control“, also die Möglichkeit, selbst Einfluss auf Arbeitsorganisation und –gestaltung zu nehmen, immer mehr von externen Bedingungsfaktoren geprägt wird. Dabei scheuen viele der Betroffenen davor zurück, sich selbst, ihren Partnern und Familien, aber auch ihren Vorgesetzten und Mitarbeitern gegenüber diese Überforderung einzugestehen.

BuB: Was könnten typische Auswirkungen auf den Einzelnen bei einer Disbalance zwischen Beruf
und Privatleben sein?

Prof. Dr. med. W. Schreiber: Die Disbalance zwischen Beruf und Privatleben mündet letztendlich in einen völlig „vereinseitigten“ Lebensstil, der seinen Sinn in einem ausschließlichen Bezug auf die Arbeitswelt zu finden sucht – und dabei notwendigerweise scheitert. Familienleben, soziales Engagement, kreative Tätigkeiten oder Sport werden als sinnstiftende Alternativoptionen nicht mehr wahrgenommen bzw. können als solche nicht mehr praktiziert werden. Kurz gesagt: Der Betroffene hat verlernt, sein eigenes Leben zu leben. 

BuB: Haben Sie in Ihrem Bereich auch eine Zunahme der Burn-Out Häufigkeit festgestellt?

 

Prof. Dr. med. W. Schreiber: Definitiv: In meiner täglichen Psychotherapiepraxis sehe ich gerade in den oben genannten Risikogruppen eine sehr deutliche Zunahme von Burnout-Symptomen, die aus meiner Sicht beileibe nicht nur einen „Modetrend“ darstellt, sondern eine existentielle Not widerspiegelt, der unsere weitgehend sinnentleerte Gesellschaft bis auf esoterisch geprägte Scheinlösungen nicht zu begegnen weiß.

BuB: Wie kann einem Ungleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben aus psychologischer Sicht
begegnet werden?

Prof. Dr. med. W. Schreiber: Hier muss aus meiner Sicht unterschieden werden zwischen Maßnahmen, die der jeweilige Betroffene treffen kann, und notwendigen Interventionen auf Seiten des Vorgesetzten bzw. des Arbeitgebers.

Konkrete Ziele für den Einzelnen sind z.B. die Wiederentdeckung der persönlichen Freizeit oder die Pflege persönlicher Beziehungen; grundsätzlich geht es darum, eigene, möglicherweise zu hohe Leistungsansprüche kritisch zu überprüfen und sich dabei auch der Analyse damit verbundener Selbstwertprobleme zu stellen, sei es nun im Rahmen eines Coaching oder einer Psychotherapie.

Kultur der Anerkennung individueller Leistungen zu etablieren, die Beziehungsgestaltung zu den Mitarbeitern zu verbessern und dafür zu sorgen, dass persönliche Gestaltungsräume gewahrt bzw. erweitert werden. Dabei gilt: Job enrichment ist eine zweifelsohne sinnvolle Intervention auf Firmenseite, sie sollte aber keinesfalls zu einem weiteren Aufbau von Leistungsdruck führen.

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